Ein düsteres Phänomen, das Amerika erschütterte
Wahre Kriminalgeschichten fesseln heute Millionen von Zuschauern rund um den Globus. Doch der eigentliche Höhepunkt dieses beunruhigenden Phänomens hatte die Vereinigten Staaten bereits Jahrzehnte zuvor erfasst. Eine beispiellose Welle der Gewalt überrollte das gesamte Land, schrieb die Geschichte der Kriminologie vollständig um und zwang die Strafverfolgungsbehörden, verzweifelt nach Antworten zu suchen.
Die goldene Ära des Schreckens
Im Laufe der 1980er Jahre überwachten Bundesermittler die nahezu unglaubliche Zahl von 823 gleichzeitig aktiven Serienmördern. Allein im Jahr 1987 raubten diese Kriminellen 361 Menschen das Leben. Der Kriminologe Robert Ressler zögerte nicht, diese Situation als eine regelrechte Epidemie zu bezeichnen.
Forensische Analysen hatten gezeigt, dass diese Art von Verbrechen vor den 1950er Jahren praktisch kaum vorkam. Um die Denkprozesse dieser gefährlichen Individuen zu verstehen und einen ermittlungstechnischen Vorteil zu gewinnen, verbrachte Robert Ressler ganze zwei Jahrzehnte damit, ausführliche Gespräche mit sechsunddreißig verurteilten Mördern zu führen.
Erwähnenswert ist, dass der heute allgemein bekannte Begriff erst 1974 in den polizeilichen Sprachgebrauch einging. Danach begannen diese alarmierenden Zahlen langsam zu sinken. In den 1990er Jahren fiel die Zahl der aktiven Täter auf 724, und im letzten Jahrzehnt registrierten Ermittler „nur noch“ 201 Fälle dieser Art.
Die wahren Motive und entlarvte Mythen
Die moderne psychologische Forschung zerschlägt gängige Klischees gnadenlos. Diese gewalttätigen Individuen leiden selten an vollständiger Schuldunfähigkeit und sind alles andere als überdurchschnittlich intelligent. Im Gegenteil: Ihr Intelligenzquotient liegt häufig leicht unter dem Bevölkerungsdurchschnitt.
Die brillanten Bösewichte aus Hollywood-Thrillern können Sie getrost vergessen. In der Realität hatten viele von ihnen bereits in der Schule erhebliche Schwierigkeiten und zeigten schon in früher Kindheit klare Warnsignale, darunter:
- Anhaltende Bettnässerei bis ins fortgeschrittene Alter
- Wiederholte Brandstiftungsepisoden
- Grausamkeit gegenüber Tieren und Tierquälerei
Überraschenderweise ist der eigentliche Antrieb ihres Handelns fast nie reines sexuelles Verlangen, sondern vielmehr ein krankhaftes Bedürfnis nach Kontrolle. Sie schöpfen eine perverse Befriedigung aus dem Gefühl absoluter Macht über ein wehrloses Opfer.
Professor Mike Aamodt weist auf eine weitere erschreckende Tatsache hin: Zur massiven Zunahme der Fälle in der Vergangenheit trug paradoxerweise auch die vorzeitige Entlassung von Strafgefangenen bei. Eine umfangreiche Datenbank mit über fünftausend weltweit erfassten Fällen seit 1900 zeigt, dass nahezu 68 Prozent aller dieser Kriminellen auf amerikanischem Boden operierten.
Die laxen Regeln zur Bewährungsentlassung spielten in den kritischsten Jahrzehnten eine verheerend wichtige Rolle. Mehr als 80 Prozent der amerikanischen Täter dieser Art hatte bereits eine Haftstrafe verbüßt, bevor sie ihren ersten Mord begingen, und fast 18 Prozent von ihnen töteten erneut, nachdem sie bereits eine Verurteilung wegen eines früheren Mordes abgesessen hatten.
Die vier Profile des Bösen
Ermittler versuchen, die Motivation dieser Täter zu verstehen, indem sie sie in vier grundlegende Kategorien einteilen:
- Macht- und Kontrollgier: Die mit Abstand größte Gruppe, die nach totaler Dominanz und Befriedigung durch die Qual ihrer Opfer strebt.
- Schwere psychische Störungen: Individuen, die unter dem Einfluss starker Halluzinationen handeln und häufig Stimmen hören, die ihnen Befehle erteilen.
- Verzerrte Mission: Täter, die sich selbst das Ziel gesetzt haben, bestimmte Bevölkerungsgruppen zu eliminieren, sei es Sexarbeiterinnen, ältere Menschen oder Kleinkinder.
- Adrenalinjäger: Personen, darunter auch Kannibalen, die ausschließlich aus persönlichem Vergnügen und wegen des Adrenalins der Gewalttat selbst töten.
Obwohl die grauenhaftesten Fälle im sonnigen Kalifornien historisch gesehen die größte Medienpanik ausgelöst haben, belegt dieser Bundesstaat bezogen auf die Einwohnerzahl überraschenderweise nur den siebten Platz. Und das, obwohl dort seit Beginn des 20. Jahrhunderts 1.777 Opfer registriert wurden. Regionen wie Alaska und Florida wiesen tatsächlich eine weit höhere Konzentration dieser Verbrechen im Verhältnis zur Bevölkerungszahl auf.
Der Rückzug in den Schatten und neue Bedrohungen
Seit den 1990er Jahren verzeichnen Polizeistatistiken einen deutlichen Rückgang der aktiven Fälle um 85 Prozent. Heute macht diese spezifische Kriminalitätsform weniger als ein Prozent aller im Land begangenen Morde aus.
Der Forscher Enzo Yaksic hebt den enormen Wandel in den Ermittlungstaktiken hervor. Den Behörden gelingt es heute, Verdächtige weit früher zu stoppen, bevor sie drei Opfer angehäuft haben — was früher die formale Schwelle zur Einstufung als Serienmörder war. Jahrzehntelange eingehende Studie der Täterpsychologie hat modernen Ermittlern ermöglicht, tödliche Verhaltensmuster erheblich schneller zu erkennen als früher.
Moderne Technologien haben dabei einen enormen Beitrag geleistet. Dank fortschrittlicher DNA-Profilierung, ausgefeilter Mobilfunküberwachung und präziser Verhaltensmodelle landen Täter häufig bereits nach ihrem allerersten Angriff in Handschellen.
Hinter diesen ermutigenden Zahlen verbirgt sich jedoch ein sehr beunruhigendes Geheimnis. Die Gesamtaufklärungsquote bei gewöhnlichen Morden ist dramatisch eingebrochen — von 91 Prozent im Jahr 1965 auf rund 61 Prozent im Jahr 2017.
Experten schlagen daher eine deutliche Warnung aus. Angesichts der ungelösten Fälle könnten weltweit noch Tausende dieser Täter frei unterwegs sein, den Behörden völlig unbekannt und aus den unterschiedlichsten Gründen bislang in keiner Weise identifiziert.










