Ein ungebetener Gast mit charmanter Tarnung
Es fühlt sich seltsam an, eine blühende Pflanze einfach aus dem Boden zu reißen. Doch bei diesem Kraut bleibt keine andere Wahl – auch wenn Mücken, Zecken und drückende Hitze die Arbeit zur Qual machen.
Kürzlich war ich wieder gemeinsam mit meiner Gruppe vom Bund Naturschutz beim sogenannten „Neophyten-Management“ im Einsatz. Was sich nach einer trockenen Fachveranstaltung anhört, ist in Wirklichkeit körperliche Freiluftarbeit: routiniertes Jäten, Fleiß, Ausdauer – und jede Menge Natur mit allem, was dazugehört. Pralle Sonne inklusive.
Je nach Blütezeit hat unsere Gruppe jedes Jahr andere Zielpflanzen im Visier. Diesmal ging es um ein invasives Gewächs, dem die meisten Menschen beim Spaziergang kaum Beachtung schenken: das Einjährige Berufkraut (Erigeron annuus). Es sieht aus wie ein zu groß geratenes Gänseblümchen – zierlich, dezent und auf den ersten Blick völlig harmlos. Doch genau das ist das Problem. Im Garten hat es nichts zu suchen, denn wer es gewähren lässt, überlässt ihm früher oder später das gesamte Terrain.
Was macht das Berufkraut so problematisch?
Wer beim Ausreißen dieser hübschen Pflänzchen skeptisch dreinblickende Passanten beobachtet, möchte am liebsten rufen: „Wir tun hier etwas Gutes!“ Hinter der freundlichen Erscheinung verbirgt sich nämlich ein invasiver Neophyt aus Nordamerika, der in unseren Wiesen und Gärten längst Fakten schafft, bevor man ihn überhaupt bemerkt hat.
Einmal im Garten, wird man das Berufkraut nur mit sehr konsequenter und fleißiger Arbeit wieder los.
Das Berufkraut – auch Feinstrahl genannt – verdrängt einheimische Wildkräuter und Gräser. Auf Wiesen, Brachflächen und an Wegrändern breitet es sich mit erschreckender Zügigkeit aus. Wo es erst einmal Fuß gefasst hat, bildet es so dichte Bestände, dass für die ursprüngliche Flora kein Platz mehr bleibt. Die Artenvielfalt leidet erheblich darunter.
Was mich persönlich überrascht hat, ist das schiere Ausmaß seiner Vermehrung: Eine einzige Pflanze produziert bis zu 50.000 federleichte, flugfähige Samen, die der Wind über weite Strecken verteilt. Im Boden behalten diese Samen über fünf Jahre lang ihre Keimfähigkeit. Wer also hofft, das Problem erledige sich von selbst, wird enttäuscht werden.
Woher stammt der Name „Berufkraut“?
Der deutsche Name geht auf einen alten Volksglauben zurück. Man war überzeugt, die Pflanze könne vor Verhexung und dem sogenannten „Berufenwerden“ durch böse Geister schützen, und setzte sie entsprechend in Ritualen ein – zum Beispiel, indem man sie Neugeborenen mit in die Wiege legte. Ob das geholfen hat, ist nicht überliefert. Gegen die Ausbreitung im eigenen Beet hilft diese Überzeugung jedenfalls nicht.
So sieht das Berufkraut aus: ein Steckbrief
Wer die Pflanze sicher erkennen möchte, sollte folgende Merkmale kennen:
- Herkunft: Nordamerika; einst als Zierpflanze nach Europa eingeführt
- Wuchs: Ein- bis zweijährige Pflanze, bis zu 1,20 Meter hoch, mit behaartem Stängel
- Blüte: Juni bis Oktober; viele kleine Körbchenblüten mit gelber Mitte und schmalen, weißen bis zartlilafarbenen Blütenblättern
- Blätter: Hellgrün, wechselständig angeordnet, beidseitig behaart; an der Basis eher rundlich, nach oben hin schmal und lanzettlich
- Vermehrung: Ausschließlich über Samen – bis zu 50.000 flugfähige Samen pro Pflanze
- Standorte: Sonnige, offene Flächen; häufig in Gärten, an Weg- und Straßenrändern sowie auf Brachland
Achtung: Verwechslungsgefahr besteht!
Greifen Sie nicht blindlings in jede Pflanze, die so aussieht. Das Berufkraut lässt sich leicht mit verschiedenen Kamillenarten verwechseln. Diese haben jedoch breitere und weniger zahlreiche Blütenblätter sowie deutlich geteilte Blätter.
Auch das Kanadische Berufkraut (Erigeron canadensis) oder das heimische Scharfe Berufkraut (Erigeron acris) sehen ähnlich aus, besitzen aber deutlich kürzere Blütenblätter. Im Garten begegnet man manchmal auch dem niedrigwachsenden Mexikanischen Berufkraut oder den Spanischen Gänseblümchen (Erigeron karwinskianus) als Staude – diese sind allerdings ebenfalls nicht heimisch.
To-do-Liste: So werden Sie das Berufkraut wieder los
Am wirksamsten ist frühzeitiges Handeln – idealerweise bevor die Pflanze überhaupt zu blühen und Samen anzusetzen beginnt. Von April bis Oktober gilt es, regelmäßig die Augen offenzuhalten. Ein einmaliges, halbherziges Eingreifen kann die Situation sogar verschlimmern, da das Berufkraut daraufhin mit verstärktem Wachstum reagiert.
- Ausreißen bei geringem Befall: Einzelne Pflanzen oder kleinere Gruppen möglichst vollständig mit der Wurzel aus dem Boden ziehen – Wurzelreste treiben sonst erneut aus. Am besten im Frühjahr vor der Blüte handeln. Die Fläche alle drei bis vier Wochen kontrollieren. Bei hartem Boden hilft eine kleine Grabegabel. Tipp aus der Praxis: Nach einem Regenschauer lässt sich die Erde deutlich leichter bearbeiten.
- Mähen bei großflächigem Befall: Die betroffene Fläche muss drei- bis sechsmal pro Saison tief gemäht werden, damit die Pflanze weder blühen noch aussamen kann. Das Mähgut sofort entfernen – liegengelassene Pflanzen können noch nachreifen und trotzdem keimfähige Samen bilden. Ein einzelner Schnitt fördert das Wachstum und ist völlig wirkungslos.
- Richtige Entsorgung: Pflanzen mit Blüten oder Samenansätzen gehören ausnahmslos in den Hausmüll. Nur so lässt sich eine weitere Ausbreitung zuverlässig verhindern. Schnittgut ohne Wurzeln und Blüten darf dagegen auf den Kompost.
Es bleibt ein merkwürdiges Gefühl, eine an sich ansehnliche Pflanze zu entfernen. Aber es geschieht für einen guten Zweck. Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Wer konsequent dranbleibt, wird bereits im nächsten Jahr deutliche Erfolge sehen. Das ist Selbstwirksamkeit im besten Sinne.










