Ein geliebter Familienhund mit einer Vergangenheit als Jagdhund
Vom entzückenden Welpen zum unerwünschten Bewohner eines überfüllten Tierheims – dieser traurige Weg wiederholt sich viel zu häufig. Es handelt sich dabei nicht um unzähmbare Tiere, sondern um das Ergebnis völlig unrealistischer Erwartungen an eine so lebhafte Jagdhunderasse. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, welche Missverständnisse die größten Probleme verursachen – und was im Alltag tatsächlich funktioniert.
Cocker Spaniel und Springer Spaniel gehören konstant zu den beliebtesten Hunderassen überhaupt. Ihre kompakte Größe, das weiche Fell und die unverwechselbaren langen Ohren machen sie zu unwiderstehlichen Begleitern. Dazu ein freundliches, liebevolles und energiegeladenes Wesen – und schon hat man den vermeintlich idealen Familienhund. Und doch läuft es gerade bei diesen Rassen erschreckend oft dramatisch schief.
Britische Tierschutzorganisationen melden einen alarmierenden Anstieg ausgesetzter Spaniels. Im Jahr 2025 stellten diese Hunde mehr als ein Fünftel aller aufgenommenen Tiere bei Dogs Trust dar – noch kurz zuvor war ihr Anteil verschwindend gering. Die Gesamtzahl ausgesetzter Hunde hat sich dabei nicht verändert: Die Zwinger der Tierheime füllen sich schlicht mit dieser einen Rasse.
Erfahrene Hundetrainer, die auf Jagdhunderassen spezialisiert sind, erkennen ein immer wiederkehrendes Muster. Die Besitzer sind erschöpft, ratlos und haben die Kontrolle über das Verhalten ihres Hundes verloren. In den meisten Fällen sind diese Tiere weder aggressiv noch schwierig – sie sind schlicht verwirrt. Ihre ausgeprägten Instinkte mangeln an der richtigen Führung.
Der Einfluss sozialer Medien und Impulskäufe
Plattformen wie Instagram oder TikTok sind voll von ästhetisch ansprechenden Videos, auf denen zufriedene Spaniels in Designer-Wohnzimmern posieren oder über malerische Wiesen laufen. Sie wirken wie das perfekte Accessoire: niedlich, treu und stets abenteuerbereit. Dieses geschönte Bild brennt sich ins Gedächtnis, während die harte Realität dahinter verborgen bleibt.
Ein Arbeits- und Jagdhund wird so fast unmerklich zur Modeererscheinung. Menschen lassen sich vom äußeren Erscheinungsbild verführen und vergessen die tatsächlichen Verhaltenseigenschaften der Rasse. In der Praxis erfolgt die Anschaffung eines Tieres häufig ohne jede gründliche Recherche zu seinen angeborenen Trieben, seiner Reizempfindlichkeit oder seinem enormen Bedarf an mentaler Auslastung.
Zu den häufigsten Fallstricken zählen:
- Völlig fehlende Informationen über die Besonderheiten der Rasse vor dem Kauf.
- Die verzerrte Vorstellung eines „ruhigen Sofahundes“.
- Zu wenig Zeit für Erziehung und das Unterbinden unerwünschter Verhaltensweisen.
- Verwirrung bei den Besitzern durch widersprüchliche Ratschläge aus dem Internet.
Wenn dann problematische Verhaltensweisen auftauchen – Zerstören von Gegenständen, Anspringen von Menschen, Ausreißen zur Wildverfolgung – kommen Besitzer schnell zu dem Schluss, dass der Hund nicht zu ihnen passt. Tatsächlich liegt das Problem fast nie beim Tier selbst: Es ist der Mangel an Führung, der den Unterschied macht.
Mythos Nummer eins: Der Spaniel muss täglich Kilometer fressen
Einer der hartnäckigsten Irrtümer ist die Überzeugung, dass körperliche Erschöpfung der Schlüssel zu einem glücklichen Spaniel sei. Ja, Cocker und Springer wurden darauf gezüchtet, den ganzen Tag auf dem Feld zu arbeiten. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein durchschnittlicher Familienhund täglich ein Training wie für einen Halbmarathon absolvieren muss.
Viele Besitzer verfallen im Versuch, ihren Hund „müde zu machen“, in Extreme: zwei lange Wanderungen pro Tag, endloses Ballwerfen oder Läufe neben dem Fahrrad. Das Ergebnis ist jedoch kein entspannter Begleiter, sondern ein hochmotivierter Muskelathlet mit Adrenalinsucht. Wer die körperliche Belastung kontinuierlich steigert, züchtet sich einen Leistungssportler heran, der schlicht nicht abschalten kann.
Warum das Streben nach totaler Erschöpfung nicht funktioniert
Experten betonen, dass bei diesen Rassen die Zusammenarbeit an erster Stelle stehen muss. Beim Jagen rennt der Spaniel nicht wild durch den Wald – er arbeitet als Partner, schnüffelt, hält inne, kehrt zurück und wartet auf das Kommando. Dieser Prozess erfordert enorme Konzentration, Selbstbeherrschung und die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren.
In der Praxis funktioniert statt stundenlanger Dauerläufe ein ganz anderer Ansatz deutlich besser:
- Etwa eine bis eineinhalb Stunden abwechslungsreiche Aktivität pro Tag.
- Starker Fokus auf mentale Erschöpfung: Nasenarbeit, Gegenstandssuche oder Gehorsamkeitsübungen.
- Verteilung der Aktivität auf mehrere kurze Einheiten statt einer einzigen kräftezehrenden Auszeit.
Mythos Nummer zwei: Mit der Zeit wächst er aus den schlimmsten Phasen heraus
Rund um den achten Lebensmonat erleben viele Besitzer einen echten Schock. Der bis dahin mustergültige Welpe beginnt plötzlich, Kommandos zu ignorieren, jagt allem hinterher, was sich bewegt, und die Hausregeln scheinen nicht mehr zu existieren. In Online-Foren lautet die häufige Beruhigung: „Das ist nur die Pubertät, das geht von selbst vorbei.“ Aus Sicht erfahrener Hundetrainer ist das jedoch ein äußerst gefährlicher Ratschlag.
Die Adoleszenz beim Hund kann bis zu zwei Jahre dauern. In dieser sensiblen Phase testet das Tier seine Grenzen aus, ist leicht ablenkbar und strebt nach Unabhängigkeit. Wenn ein bestimmtes Verhalten dem Hund eine Belohnung einbringt – sei es die Aufregung beim Verfolgen eines Rehs oder die Aufmerksamkeit beim Anspringen eines Gastes – wird es blitzschnell zur tief verankerten Gewohnheit.
Der Spaniel wächst nicht mit zunehmendem Alter aus schlechten Angewohnheiten heraus. Im Gegenteil: Ohne Korrekturen perfektioniert er sie eigenständig bis zur Meisterschaft.
Die Pubertät des Hundes erfolgreich meistern
Diese Phase sollte als entscheidende Trainingszeit begriffen werden – nicht als Sturm, den man abwartend in der Ecke aussitzt. Was wirklich hilft:
- Tägliche, konsequente Wiederholung der Grundübungen wie Rückruf, „Sitz“ und „Bleib“.
- Kurze, lebhafte und spielerische Trainingseinheiten von fünf bis zehn Minuten.
- Einschränkung der Freiheit in kritischen Momenten: häufigere Nutzung der langen Leine und Meidung chaotischer Hundeparks.
- Absolute Konsequenz: Unerwünschte Verhaltensweisen dürfen dem Hund niemals einen Vorteil bringen.
Wer diese Phase engagiert begleitet, wird mit einem erwachsenen Hund belohnt, der mühelos zwischen Aktivität und Entspannung wechseln kann. Wer hingegen darauf vertraut, dass die Zeit alles regelt, steht am Ende vor einem nicht mehr handhabbaren Erwachsenhund.
Mythos Nummer drei: Beißende Welpen sind einfach niedliche kleine Krokodile
In Fangruppen auf sozialen Medien hat sich der Begriff „Krokodil“ verbreitet, mit dem Besitzer ihre ständig beißenden Welpen liebevoll beschreiben. Experten warnen jedoch ausdrücklich vor dieser Verharmlosung: Wer solche Verhaltensweisen als netten Scherz abtut, schafft echte Probleme.
Spaniels wurden über Generationen hinweg auf den sogenannten „weichen Mund“ gezüchtet – ihre Aufgabe war es, erlegtes Wild aufzunehmen, ohne es zu beschädigen. Wenn ein Welpe den Kopf schüttelt, in Hände beißt oder sich an Hosenbeinen aufhängt, handelt er damit direkt gegen die Natur seiner Rasse. Löst das Beißen Lachen oder irgendeine Form menschlicher Aufmerksamkeit aus, lernt der Welpe sehr schnell, dass er mit den Zähnen bekommt, was er will.
Grenzen ruhig und stressfrei setzen
Erfahrene Trainer empfehlen, von Anfang an klare Regeln zu etablieren:
- Jeder Zahnkontakt mit menschlicher Haut bedeutet sofortiges Spielende.
- Der Hund verliert kurzzeitig jegliche Aufmerksamkeit: kein Wort, kein Blickkontakt.
- Nach einigen Sekunden der Ruhe kann das Spiel wieder aufgenommen werden – idealerweise mit einem geeigneten Zerrspielzeug.
- Ein überreizter Welpe braucht eine Ruhepause und keine weitere Stimulation.
Mit diesem Ansatz begreift das Tier, dass Sanftheit Belohnungen einbringt, während grobe Verhaltensweisen den Spaß beenden.
Ist ein Spaniel wirklich das Richtige für Sie?
Bevor man diesen Langohr-Begleiter nach Hause holt, sollte man sich nicht allein von seinem bezaubernden Blick mitreißen lassen. Eine ehrliche Einschätzung des eigenen Lebensstils ist absolut unerlässlich:
- Haben Sie in Ihrem Tagesplan Platz für tägliches Training – nicht nur für gewöhnliche Spaziergänge?
- Reizt Sie die aktive Arbeit mit dem Hund, etwa Nasenspiele oder die Grundlagen des Apportierens?
- Können Sie Regeln auch dann konsequent durchhalten, wenn Sie der Hund mit seinen bittenden Augen anschaut?
- Bietet Ihr Zuhause ausreichend Raum, um gelegentlich angestaute Energie abzubauen?
Wer lediglich einen Plüschhund sucht, den er ab und zu durchs Viertel spaziert, wird tief enttäuscht sein. Für aktive Menschen hingegen, die gerne draußen sind und Freude daran haben, mit ihrem Hund zu arbeiten, ist der Spaniel eine außergewöhnlich gute Wahl.
Praktische Schritte für ein ausgewogenes Zusammenleben
Der Schlüssel zur Zufriedenheit liegt nicht nur in Kommandos, sondern auch in einer richtig gestalteten Umgebung. Bewährt haben sich ein guter Vorrat an Kauartikeln, interaktive Futterpuzzles sowie feste, streng eingehaltene Ruhezeiten im Körbchen oder in der Box. Spaniels können oft nicht von selbst „abschalten“ – deshalb profitieren sie enorm von einer klar strukturierten Tagesroutine.
Auch die Art, wie man den Hund über den Tag beschäftigt, spielt eine entscheidende Rolle. Tägliche Besuche in überfüllten Hundeparks steigern lediglich Stress und Erregungsniveau. Ein ruhiges Spurenspiel im Wald oder die Suche nach einem im hohen Gras versteckten Ball hingegen fordert echte Konzentration. Ein Hund, dessen Gehirn regelmäßig gefordert wird, braucht keine Sprints, um abends zufrieden einzuschlafen.










